Es ist erstaunlich, denn fragt man die KI selbst, ob sie schädlich für die Demokratie ist, gibt sie zur Antwort: „Ja, Künstliche Intelligenz (KI) birgt erhebliche Risiken für die Demokratie, wird aber gleichzeitig auch als Werkzeug gesehen, das demokratische Prozesse unterstützen kann. Es handelt sich um ein zweischneidiges Schwert, wobei derzeit die Sorgen über Desinformation und Manipulation überwiegen.“ Auch das Fettgedruckte ist von der KI generiert worden.
Soviel Selbsterkenntnis kann man von einem analogen Diktator wohl kaum verlangen. Es würde bedeuten, dass ein aufstrebender Autokrat, ein künftiger Unterdrücker vor sich selbst warnt, ein Gefallen, dem bis jetzt noch kein Despot gefolgt ist. Francis Fukuyamas These vom Ende der Geschichte ist obsolet, Heraklits Erkenntnis: „Die einzige Konstante in der Geschichte ist der Wandel“ aber bleibt. Eine zweite beunruhigende Konstante: Noch nie wurde eine große Erfindung zurückgenommen. Selbst im Irrenhaus ist man sich seiner nicht mehr ganz sicher und kann sich der Welt nicht gänzlich verschließen, wie es so treffend Friedrich Dürrenmatt in seinen Physikern als Farce thematisiert. Die technophilen Modernisierungsromantiker sehen in der KI schlicht ein Werkzeug, das in unser Leben eingreifen und es revolutionieren wird. Doch das impliziert auch die Vorstellung, dass wir sie als Werkzeug benutzen und in unseren Händen halten können. Eine sehr naive Vorstellung.
Den Demokratien ist die Kontrolle über die KI längst entglitten, und weit schlimmer: wir sind selbst zum Werkzeug verkommen. Wir füttern den Algorithmus freiwillig täglich aktiv mit persönlichen Daten, um sie passiv wieder als „Weltschwarmintelligenz“ (oder ist es doch eher eine auf Daten basierende Schwammintelligenz) schlafwandlerisch in uns aufzusaugen. Ein undefinierbarer Wissensmoloch ohne echte Legitimation, ein König KI von Fortschritts Gnaden, der alles von uns, wir aber nichts über ihn wissen. Wer hat ihn auf den Thron gehoben? Welche anderen Ziele als Gewinnmaximierung stehen auf der Agenda der IT Konzerne? Demokratieentwicklung? Datenkolonialismus? Was ist dafür nötig, um den Profit zu steigern? Empathie? Statt Aufklärung wird wegen besserer Userbindung auf Emotion gesetzt. Eine graue Heerschar an Programmierer: innen, die auf den Pfiff gehorchen und sich dem monoton mechanischen System zwischen 0 und 1 unterordnen, schwingt sich zu Konstrukteuren einer neuen Welt empor, ohne auf das Dazwischen Rücksicht zu nehmen. Wir füttern den Hammer und sind dabei selbst der Amboss.
Moderne Autokraten und Diktatoren sind durch die 2. Quantenrevolution im Begriff, dem lang gehegten Wunsch einer universellen und totalen Kontrolle mittels KI näher zu stehen als je zuvor. Das, wovon vergangene Diktaturen geträumt haben, liegt als Häppchen durch die zentralistische Bündelung aller Daten und dank der Hypereffizienz leistungsstarker Quantenrechner auf dem Silbertablett: ein perfekter, totalitärer Überwachungsapparat. Jeremy Benthams architektonischer Entwurf eines Gefängnisses, der im Kuba der 30er Jahre im Presidio Modelo Bau realisiert wurde, kann als Warnung und Metapher dienen. Der als Panoptikum angelegte Bau ordnete alle Zellen ringförmig in einem Turm an. Durch die Zellenfenster fließt das Licht von außen ins Innere des Gefängnisses und man sieht die Gefangenen aus dem zentralen mittigen Wachturm gut im Gegenlicht. Der Wachturm selbst bleibt im Dunkeln, sodass man nicht erkennt, wer einen überwacht. Gläsern sitzen wir durchleuchtet und rund um den Globus in unseren Zellen und geben Daten preis, ohne zu wissen, was mit ihnen geschieht, wer sie verarbeitet und warum sich diese neue Macht keiner Kontrolle unterzieht. Eine Erfindung, die selbstständig Entscheidungen trifft, die wir nicht verstehen, können wir nicht kontrollieren.
Die KI ist eine offene Einladung für Propaganda, Manipulation und Desinformation. Die Schlüsselfrage ist: Wie kann die Demokratie im digitalen Zeitalter überleben? Aus der mechanischen Seufzer-Puppe Olimpia aus Hoffmanns Sandmann wurde ein weltumspannender König, der weder einen Körper hat, noch Selbstzweifel kennt und mit Zielvorgaben gefüttert wird, die weit von dem abweichen, was Demokratien auszeichnet.
Damit sind nicht nur die Grundfesten der Demokratie in Gefahr, sondern die Sinnkrise des Menschen verschärft sich weiter, die Gräben werden größer, die „prometheische Scham“ nagt weiter an seinem Selbstwert. Der vom Thron gestoßene Mensch steht einer immer raffinierteren KI gegenüber, die ihm in fast allem überlegen ist. Wir schaffen uns damit selbst ab und sind ein dysfunktionales, passives, analoges Anhängsel in einem hypereffizienten, digitalen Brave New World Universum ohne Mitbestimmung. Das Wegrationalisieren von Jobs ist bereits im Gange, ein Neo-Luddismus bleibt vielleicht nur deswegen aus, weil die Entwicklungen so rasant passieren, dass wir jämmerlich hinterherhinken und ein Denken in Echtzeit nicht mehr möglich ist. Da ist schon die Realisierung des prophetischen Gedankenexperiments von Oswald Wiener durch den Bio-Adapter wahrscheinlicher. Verschmelzung und Selbstaufgabe.
Der Ursprungsgedanke totalitären Denkens ist seit Jahrhunderten der immer gleich geeichte Kompass der Macht. Durch die KI eröffnen sich ungeahnte neue Möglichkeiten. Die Methoden der Machtaneignung aber, bleiben seit Jahrhunderten immer dieselben. Eine Spielart: Die KI generiert erst das Chaos, um aus der Unsicherheit Kapital zu schöpfen. Die Demokratie wird gegen Sicherheit und Wohlstand eingetauscht.