Die stärkste Waffe politischer Rhetorik ist eine Beschuldigung, die sprachlich eindrücklich ist und durch Wiederholung geglaubt wird. Um die allgemeine Aufmerksamkeit zu steigern, werden Begriffe gekapert und kontaminiert, sie sickern in den öffentlichen Raum und werden landläufig. „Messer-Migranten“ bevölkern die Schlagzeilen, „Staats-Funk“ wird zur geläufigen Vokabel. Wahr oder falsch sind keine Kategorien. Was zählt, ist der simultane Ausschlag auf der Gefühlsskala, bedrohlich, mächtig, dumpf. Derjenige Repräsentant des Volkes, der Feindbildern und Angstszenarien entschlossen entgegentritt, gewinnt Vertrauen und Wählerstimmen. Der Wettlauf um derart wirkungsvolle Schlagwörter zeigt sich deutlich an dem Adjektiv „geschichtsvergessen“.
Mahnruf und Vorwurf zugleich, der politische Gegner habe nicht die richtigen Lehren aus der Geschichte gezogen, taucht das Wort neuerdings als gegenseitige Zuschreibung in Debatten auf. Dem zugrunde liegt ein diametrales Geschichtsverständnis und der Anspruch auf Deutungshoheit über die Vergangenheit. „Die Vorherrschaft einer sozialen Gruppe zeigt sich auf zwei Arten: als Herrschaft und als intellektuelle und moralische Führung“ *, schrieb Antonio Gramsci über den Kampf um kulturelle und ideologische Hegemonie.
Zunehmend wirken rechtspopulistische, vor allem aber revisionistische Interpretationen von historischen Ereignissen stärker als wissenschaftlich fundierte Aufarbeitung. So wird Erinnerungsarbeit als vom „System“ oktroyiert abgelehnt, dafür werden diffamierende Bezeichnungen aus der NS-Ära, wie „Parasiten“, „Zecken“ und „Schädlinge“, in den Sprachduktus aufgenommen.
Manch ein Politiker brüstet sich damit, die Terminologie der rechtsextremen Szene in den parlamentarischen Alltag einzubringen. Die boshaft in Anwendung stehende Wortschöpfung „Re-Migration“ ist schnell dahergesagt, doch bedroht sie die reale Existenz von Menschen. Das Recht auf Asyl und Sicherheit, ein elementares Menschenrecht, außer Kraft setzen zu wollen, missachtet die Lehren aus der Geschichte. Abschiebung in Lager im Nirgendwo, Schubhaft für Minderjährige, Kriminalisierung und Diskriminierung: Geschichtsvergessenheit legitimiert autoritäre Denkweisen und deren Handlanger.
Während sich der gegenwärtige Streit um Erinnerungskultur an einschlägigen Begriffen wie „Schuldkult“ abarbeitet, kommen „alternative“ Opfer-Narrative auf. Wer das Volk nicht als bedrohte Minderheit, und nationalistisches und identitäres Denken nicht als Gebot gegen „Überfremdung“ zu erkennen vermag, gilt neuerdings ebenso als „geschichtsvergessen“. Dieser Polemik ist eigentlich nur mit einem historischen Zitat zu begegnen, „Lernen`s Geschichte“**, wenn es nicht zu spät dafür ist.
* Antonio Gramsci, Gefängnishefte, Einaudi, Turin, 1948, 13, §17
** Bruno Kreisky, Pressefoyer, 1981